80 Jahre Segelflug im Grenzland

 

Die Entwicklung des Luftsports im Kreis Kempen – Viersen

(siehe auch Zeitungsartikel)

 


80 Jahre Segelflug im Grenzland

Der Segelflug hatte die ersten Schritte hinter sich gebracht, die Wasserkuppe in der Rhön ließ die Welt aufhorchen. Max Kegel flog 1926 von dort aus nach Meiningen 55,2 km weit. Was ein Wunder, dass sich auch am Niederrhein junge Männer aufmachten, um sich auf der Wasserkuppe umzusehen und Anregungen mit nach Hause zu bringen.


Wer war es eigentlich, der den Stein ins Rollen brachte?

Waren es die Gebr. Thönis, Egidius Janssens, Peter Baues, wer weiß es noch. Jedenfalls, die Wiege stand in Kaldenkirchen, und dort fing man an, ein Gleit-flugzeug zu bauen, die Pläne hatte man sich auf der Wasserkuppe besorgt. Es dauerte dann aber eine ganze Weile, bis der erste Start erfolgen konnte. Egidius Janssens aus Brüggen entdeckte den ersten Flugplatz, dort gab es sogar einen Hang, 10 – 15 m hoch. – Aber zuerst mussten Unmengen von Ginster gerodet werden. Mittlerweile hatten sich im Grenzland einige Vereine gegründet, Viersen, Dülken, Süchteln, und so zogen samstags und sonntags 20 – 30 Mann in die Heide, verlebten herrliche Stunden und flogen manchmal bis zu 30 Sekunden.


Man hielt die Jungs rundheraus für verrückt. Wie kann man sich nur so strapa-zieren! Die Kisten den Buckel hinaufschieben, 1 Mann setzt sich auf so einen komischen Sitz, Gummiseil davor, „Ausziehen – Laufen – Los“, der Vogel macht einen Sprung von 10 m Höhe und ab geht es in die Ginsterbüsche auf der anderen Hangseite. Sonntags abends war die Kiste meist beschädigt. Wie dann repariert wurde, das darf man keinem erzählen. Aber was soll’s, am nächsten Wochenende konnte wieder geflogen werden. Ab und zu konnte man 2 Radfah-rer gen Brüggen fahren sehen, die auf dem 3. Fahrrad eine Tragfläche transpor-tierten, Not macht halt erfinderisch. Bald hatte man auch das erste Auto, zwar noch Vollgummibereifung und ohne Beleuchtung, aber dank der Fertigkeit des

Jane Bupp“ lief es immer, und man fuhr auch wenn’s dunkel wurde, mit Ker-zenlicht. 2 Mann lagen auf den vorderen Kotflügeln und hielten Flaschen mit Kerzen in der Hand, das gab eine wunderschöne romantische Beleuchtung.


Manche sind während der Fahrt vom Kotflügel heruntergefallen, weil es dem Jupp manchmal einfiel, mal aus Jux durch den Graben zu fahren, bei den enormen Geschwindigkeiten passierte natürlich nichts, es gab höchstens ein paar Schrammen und Risse vom Ginster.

Im Jahre 1929 war eine stattliche Zahl Anhänger für den Segelflug gewonnen, Ausstellungen wurden veranstaltet, fördernde Mitglieder fanden sich, die mit Geld- und Sachspenden halfen. Die Flieger des Grenzlandes traten dem DLV bei und gaben sich den Namen Luftsportverein Mülgau. Diesem Verband der Grenzlandvereine gehörte auch der M.Gladbacher Ortsverein an, der auch in Brüggen seine Heimat fand. Der Dülkener Verein, dessen Mitgründer und Motor August Verhufen war, wagte große Dinge. Ein Flugtag wurde veranstaltet – man höre und staune – im damaligen Stadtgarten. Und was so alles am Rande passiert ist, wie Schwierigkeiten mit der Polizei und allen möglichen Leuten, Kassierer mit den Einnahmen verschwunden und so fort, aber trotzdem, es war ein voller Erfolg. Es wurde sogar ein Flugzeugschlepp durchgeführt, das Segelflugzeug, eine Kassel 25, schwebte über die Süchtelner Höhen zur Landung ein. – Der Deutsche Meister im Fallschirmspringen Resch zeigte sein Können und es gab Kunstflug mit der Klemm 25. Alles in allem, dieser Flugtag gab mächtigen Auftrieb, und die Mitgliederzahl schnellte in die Höhe, mancher junge Mann bekam nun den Segen seiner Eltern und durfte mitmachen.

Mittlerweile zog man um, von Brüggen nach Swalmen, der Hang dort war um einiges höher und die Heide war noch schöner. Außerdem gab es in der Nähe eine gemütliche Wirtschaft, wo man von der „Mamm“ bemuttert wurde. Wo gab es je so leckere Weißbrotschnitten mit Spiegelei. Hier in Swalmen wurde auch die erste Winde von Egidius Janssens gebaut. Ein alter Büssing-Lastwa-genmotor trieb sie an, und es wurden Höhen – man höre und staune – von über 100 m erreicht. Das gab den Fliegern neue Impulse, und nach und nach wurden sogar die ersten Prüfungen geflogen. Mit einer verbesserten Winde wurde dann wieder in Brüggen und auf dem Holter Flugplatz geflogen mit steigenden Erfolgen.

Die Rhönwettbewerbe, die von Jahr zu Jahr mehr begeisterten, zogen die jungen Segelflieger besonders an. So fuhren 5 junge Burschen aus Dülken Jahr für Jahr zur Wasserkuppe zum Wettbewerb, verdingten sich dort bei der techn. Kommis-sion als Gummipuppen (Startmannschaft), zogen die Asse in die Luft.

 

Die Asse, das waren Hanna Reitsch, Peter Riedel, Günther Grönhoff, Heini Dittmar und wie sie alle hießen. Geschlafen wurde im Zelt und Verpflegung wurde irgendwie besorgt. In einem Jahr spielten sie sogar Statisten in dem Film „Rivalen der Luft“ mit Hilde Gebühr und Wolfgang Liebeneiner. Sie tranken Brüderschaft mit dem Rhönvater Ursinns. Ein dreifaches Suffa auf die UFA, so scholl es in den Nachthimmel beim Lagerfeuer.

Es gibt keine größere Kameradschaft als unter Fliegern.

Im Jahre 1939 wurde ein lange gehegter Wunsch Wirklichkeit. Dank privater und behördlicher Unterstützung entstand der erste richtige Flugplatz im Grenz-land. Ganz in der Nähe vom Ausgangspunkt Brüggen lag dieser Platz in der Nähe von Bracht, dort wo früher das Muni-Depot lag . Leider hatten die Flieger nicht viel Freude daran, weil der Krieg alles zunichte machte, und dann kam lange Zeit nichts mehr. – Viele Kameraden kamen nicht mehr zurück, und als man nach dem Kriege zum Sammeln rief, war mancher liebe Freund nicht mehr dabei. Der Wiederbeginn war schwer, bestand doch jegliches Flugverbot bis zum Jahre 1951. Aber der alte Fliegergeist war wieder zu wecken, und so zog ein Häuflein begeisterter Flieger zum „Bökel“, um dort fast an der Niers wieder zu fliegen. Mit dem „Schädelspalter“ Typ Grunau 9, geschenkt von unseren Freunden aus Venlo, mit einer Winde, selbstverständlich gebaut von unserem Egidius Janssens. Mit dieser Winde zogen wir sogar über Land. Mancher Verein hatte einen Platz und gute Segelflugzeuge, aber keine Winde. So konnten wir im Tausch auch mal bessere Maschinen fliegen als die Grunau 9. Der Platz an der Niers stand uns nicht lange zur Verfügung, man pflanzte uns eine stattliche Reihe von Pappeln quer durch die Piste, dank unserer Venloer Freunde stand dann einige Jahre deren Flugplatz in der „Großen Heide“ an der Grenze zur Verfügung, und dort haben manche schönen Flüge ihren Ursprung gehabt. Unse-ren Venloer Freunden sei Dank gesagt.

1959 war dann Beginn in Grefrath, auch hier in der Nähe der Niers. Was hat die wackere Schar dort an Arbeit investiert, mancher verlor die Lust und zog sich zurück, immer nur Arbeit. - Aber trotzdem Schritt für Schritt ging’s aufwärts. – Organisation wurde damals groß geschrieben, und wen wundert’s, dass eines Tages eine Baracke dort stand. Ursprünglicher Standort Kreisverwaltung Kempen, uns großzügig gegen geringe Gebühr sozusagen geschenkt. Abbruch in Kempen, Aufbau in Grefrath, alle Arbeiten einschließlich Heizung, Sanitär, Elektro durch unsere Mitglieder durchgeführt.

 

Der Clou waren dann 2 Zelte für Flugzeug-Unterstellung, ursprünglich der Fliegerschule des fliegenden Paters Schulte gehörig. Nachts rannten schon mal die Bullen aus den umliegenden Wiesen durch die Zelte und beschädigten diese und die 2 Maschinen, die wir mit viel Mühe angeschafft hatten, ein Baby 26 und einen Doppelraab. Eine Doppeltrommelwinde wurde nebenher gebaut, und eines Tages stand sogar die erste Halle, natürlich nur dank der Unterstützung durch Gemeinde, Kreisverwaltung und der Regierung. Langsam verschwand auch das Wasser aus der Start- und Landebahn, die Gummistiefel waren nicht mehr gefragt.

Die enormen Kosten der Herrichtung der Landebahn waren vom Verein natür-lich nicht zu verkraften. Durch die Gründung einer Flugplatzgesellschaft auf gemeinnütziger Basis konnte ein Platz in der heutigen Verfassung entstehen

mit 2 getrennten Landebahnen für Motor- und Segelflug sowie einer Drainage gegen die Feuchtigkeit der Nierswiesen. Ein neuer Turm und asphaltierte Roll-wege wurden ebenso gebaut. Die Investitionskosten bis zur endgültigen Fertig-stellung beliefen sich auf über 1 Mill. DM.

Die Vereine konnten jetzt ihre ganze Kraft den fliegerischen Belangen widmen.

Der Segelflugzeugbestand im Jahre 2009 ist 1 KA8, x ASTIR CS, 1 x JEANS ASTIR, 1 x ASW 19, 1 x VENTUS, 3 x Doppelsitzer (ASK 21, TWIN-
ACRO, DG 1000) sowie eine DR 400 als Schleppflugzeug.

So ist in der 80jährigen Geschichte der Grenzlandfliegerei allerhand gelaufen, aber immer ging’s trotz Rückschlägen weiter aufwärts. Und wenn sich der Platz Grefrath als Hort des Grenzland-Flugsports heute mit 3 Hallen und auch großem Motormaschinen-Bestand präsentiert, so gilt das Wort nicht mehr, die Grenzlandflieger fliegen unterm Busch, und die vielen fremden Flugzeugführer, die hier mal kurz Pause machen, fühlen sich, so kann man glauben, hier auf dem schönen Platz wohl, umso mehr, weil auch die Gaststätte irgendwie an vergangene Fliegerzeit erinnert. Man sieht’s, hier haben Flieger gebaut. – Segelflieger, die, man darf es mit Dank sagen, in großem Jubel heute noch mitmachen, hoffentlich noch recht lange, zum Vorbild für die Jugend, die die Tradition weitertragen soll in die Zukunft.


Zusammengestellt von Bernd Lohberg


Quellen:

Aufzeichnungen

- Hans Inselberger

- Oberbaurat Hans Druxes

- Karl-Heinz Göbbels


 



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